Mathekram

Mathematik rein und angewandt, erforscht und unterrichtet (ein Matheblog)

2008 – Jahr der Mathematik

Posted by Modulix - Januar 1, 2008

Das Jahr 2008 wird das Jahr der Mathematik werden. Und schnell erhebt sich die Frage: Warum eigentlich erst jetzt?

Naja, könnte man antworten, es ist ja auch nur das deutsche Jahr der Mathematik.

Es gab bereits das internationale Jahr der Mathematik (das war 2000) und man muss sich fragen, bei aller Begeisterung, die man dafür als Mathematiker zu empfinden bereit ist, was das eigentlich bringt: Jahr der Mathematik. (Für Lehrer interessant ist übrigens die Begleitseite der Telekom-Stiftung: mathematik anders machen)

Einen Vorgeschmack kann man durch Lektüre der Bilanzen der bisherigen Wissenschaftsjahre bekommen. Letztes Jahr z.B. waren die Geisteswissenschaften dran.

Es wird also, wenn man die letztjährigen Aktionen bewertet, ein paar Leuchtturmprojekte geben, ein paar publikumswirksame Auftritte sowie ein paar wohlmeinende Artikel in den Zeitungen. Vielleicht wird die eine oder andere Förderungsmöglichkeit für bestimmte Projekte eröffnet.

Im Zentrum des Mathematikjahres steht aber auch die Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit, was sicherlich ein heikles Thema zu werden verspricht.

Mathematik und Öffentlichkeit:

Mathematik sitzt im Ghetto der freudlosen Rechnerei – als Kultur- und Strukturwissenschaft wird die Mathematik in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Zwar gilt Mathe als wichtig, aber mehr zur Erlangung von Basisfertigkeiten zur erfolgreichen Vermittlung auf dem Arbeitsmarkt. Dass mathematische Probleme auch den Uneingeweihten fesseln könnten, dass Mathematik auch mit Ästhetik zu tun hat, dass die scheinbar so reine Mathematik unmittelbaren Anwendungsnutzen haben kann und nicht nur ein Glasperlenspiel im akademischen Elfenbeinturm sein muss, das alles wird kaum wahrgenommen.

Mathematik braucht einen Popularisierungsschub, der durch ein solches Jahr ermöglicht werden kann

Die entscheidenden Anregungen, die bisherigen Popularisierungen kommen von außen: Das wahrscheinlich bekannteste Mathematikbuch deutscher Sprache ist der „Zahlenteufel“ von Hans Magnus Enzensberger. Der letzte große Bestseller, der Mathematik zum Gegenstand hatte, war Gödel, Escher, Bach.

Mathematik im Internet:

Wie steht es eigentlich mit dem Leitmedium, dem Internet? Es gibt zahlreiche Internetseiten, die sich mit Mathematik beschäftigen. Allen voran das Portal mathematik.de, das zahlreiche Links zu anderen Seiten bietet. Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Matroids-Seite, eine ganz und gar großartige Seite, auf der sich zahlreiche Artikel zu den verschiedensten Themen der Mathematik befinden. Eine weitere ganz großartig gemachte Seite sind die Mathematischen Basteleien, auf der es immer wieder viel zu entdecken gibt.

Aber was nach meinem Empfinden fehlt, ist eine bewusst die Popularisierung der Mathematik anstrebende Seite, die nicht im Kanzleistil Meldungen verliest (etwa von der Form: „Neues Theorem in der Gruppentheorie bewiesen“), sondern mit einer gewissen Lockerheit Mathematik interessant macht.

Mathematik-Blogs:

 Hier ist eine Liste von Mathematik-Blogs aufgeführt.

Darunter sind die wenigsten (ich glaube, es sind drei) auf deutsch. Die anderen werden in der Lingua Franca der heutigen Wissenschaft publiziert.

Wo, so frage ich mich, ist der deutschsprachige Blog eines – sagen wir einmal: Doktoranden in Algebra – der sich über Quantengruppen verbreitet? So etwas wäre doch ein guter Anfang.

Quo vadis, Mathematik?

Eigentlich müsste ein solches Wissenschaftsjahr auch im Inneren der Mathematischen Community zu Diskussionen anregen. So etwa die, wohin sie steuert, also was die Leitbilder, Leitlinien, oder nennen wir es mal Paradigmen der Mathematik für die etwa nächsten 10 Jahre sind, evtl. sogar sein sollen.

Wohin wabert die Mathematik in Deutschland? Wie steht es eigentlich mit der reinen Mathematik? Welche Leitdisziplin innerhalb der Mathematik gibt es?

Wie steht es mit dem Paradigma der Kategorisierung aller mathematischen Begriffe? Befinden wir uns gerade in einem Schub fortschreitender Abstraktion (wie Anfang des 20. Jahrhunderts) diesmal hin zur Kategorientheorie? Wie steht es mit der Nichtkommutativen Algebraischen Geometrie ?

Was können wir uns von einem tieferen Verständnis der Langlands-Korrespondenz versprechen?

Oder eine weitere Frage: Führt der fortschreitenden Einsatz der Rechner in den Teildisziplinen zu einer Transformation der Wissenschaft, in der die wichtigen Theoreme nur mehr durch Rechnereinsatz plausibilisiert und gar nicht mehr bewiesen werden? (Beispiel: Vier-Farbensatz)

Das sind Fragen, die manch einer möglicherweise als naiv oder unerhört (oder auch unverständlich) empfindet, aber auch solche Fragen sollte man erörtern.

In welchem Rahmen solche Themen diskutiert werden, bleibt freilich abzuwarten.

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